Bürgenstock-Rennen aus Spinnenoptik
Uri-Windex Spinnen sind hauptsächlich in den Häfen von Flüelen, Seedorf und Sisikon anzutreffen. Vor vier Jahren war ich noch obdachlos, eine Nebenwirkung vom Lockdown und die resultierende Langweile, die zu eine Überbevölkerung und nicht genug Masten im Hafen geführt hat. Mein Glück änderte sich dann, als ich einen neuen Windex auf etwa 16 Meter beziehen durfte, seitdem wohne ich dauerhaft mit einigen Kollegen in Sisikon auf der Blink. Mein Titlis-artige Rotair-Unterkunft verfügt über eine fabelhafte Aussicht, im Sommer meist ungefähr nach Norden und im Winter eher panoramisch und saukalt, aber dazu später mehr. Das Leben ist gut hier oben und meist friedlich, ausser an Regattatagen. Dann ist es vorbei mit der Ruhe – und das Bürgenstock-Rennen war keine Ausnahme.

Die Zweibeiner unten sind selten mit ihren Starts zufrieden, und auch dieses Rennen bildete da leider keine Ausnahme. Sie überquerten die Startlinie sage und schreibe zwölf Minuten nach dem Start. Ich konnte nur noch meine vier paar Augen verdrehen – wie stehe ich dann vor meinen Artgenossen auf den anderen Booten da? Das einzig Positive war, dass die Boote, die einen wirklich guten Start hingelegt hatten, nur etwa 35 Meter vor uns war. So viel zum Wind, und Grund zur Hoffnung war noch vorhanden. Kaum über der Startlinie, begann sich mein Zuhause nach Belieben um mehrere tausend Grad zu drehen. Das Helikopter-Verhalten meines Sitzplatzes löste unten einen unverhältnismässig hohen Kalorienverbrauch aus, Segel wurden ausgerollt, hin- und hergezogen und wieder eingerollt. Die Latten im Grossegel wurden durchgepumpt, nur um eine halbe Minute später wieder zurückgepumpt zu werden. Das grosse runde Vorsegel schoss auf mich zu, sodass ich mich so bleich erschrak wie das Segel selbst. Es blieb einen Moment lang stehen, benahm sich dann sehr unentschlossen und verschwand wieder nach unten, während sich meine Aussicht erneut veränderte. Als Beobachter kam mir der Gedanke, dass Herr Darwin in Sachen Evolution vielleicht doch noch einmal über die Bücher gehen sollte. Die Homo sapiens haben sich ausgesprochen schlecht für solche Segel-Tätigkeiten entwickelt – ein paar zusätzliche Arme oder Beine, so wie wir Spinnen sie haben, wären hier eindeutig von Vorteil, … ich schweife ab. Endlich durfte ich konstant mehr oder weniger nach Norden schauen. Die Hektik am anderen Ende des Masts beruhigte sich, und wir kamen in Bewegung – zunächst langsam, dann immer weniger langsam (schnell ist etwas anderes), je weiter wir uns nach Osten vorarbeiteten. Wir passierten Fallenbach, die vorhergesagte Föhnneigung machte sich bemerkbar und der Wind im Urner war ungewöhnlich böig und sehr drehfreudig, aber es gab Wind.
Apropos Föhn: Wir Uri-Windexen haben mächtig Respekt davor. Nicht wenige meiner Sisiker Kollegen sind dadurch unfreiwillig zu Schwyzer Tricolor, Nidwaldner Salinghocker oder Sattel-Seilbahner degradiert worden, und ein paar wenige Goldauer Bleibomber gab es leider auch. Mit meiner fest eingebaute Rettungsleine, mehrfach geknotet, fuhren wir in den Urner-see hinein und schlängelten uns durch grosse Winddreher und ruppige Böen. Als wir wieder in die Gewässer von Uri zurückkehrten, umrundeten wir die Leetonne und hatten nun eine gute Brise für den Amwindschenkel nach Norden. Ich befand mich nach der Tonne dafür nicht mehr auf dem Boot, sondern etwa fünf Meter daneben immer noch auf meinem nun fast starren Windex, aber nur knapp. Nach der Umrundung begann das Grosse Segel zu schlagen, mit nur zwei Armen, können die dort unten niemals das Tuch schnell genug dicht nehmen. Die Folge war, dass ich dermassen durchgeschüttelt wurde, dass ich Körperteile zu Gesicht bekam, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Eine sehr unwürdige Angelegenheit! Aber die Sicherheitsleine aus Seide ist in meinem Fall, Gold wert.
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Blink wurde zweimal um diese Nord-/Süd-Schlaufe gejagt, bis wir irgendwann an einem freundlichen Motorboot vorbeisegelten, das uns beim Passieren anhupte und jubelten. Anscheinend ist dort unten doch noch etwas richtig gelaufen. Die Equipe an Deck entspannte sich, die Segel verschwanden nach unten, meine acht Knie hörten auf zu schlottern, und nach und nach konnte ich mich darüber freuen, dass ich noch ganz und an Bord war. Am Abend erfuhr ich dann die Nachricht, dass mein Cousin, eine Schwyzer Tricolor, weniger Glück hatte und ein unplanmässiges Spätsommerbad nehmen musste. Sein dreifarbiges Zuhause ist samt der Hälfte seines langen Carbon-Sockels über Bord gegangen. Mein Cousin, auch als Buffet Fritz bekannt, dementiert vehement, dass er Ursache des Missgeschicks sei. Das Trauma vom freien Fall und das kalte Bad hat Fritz allerdings dazu motiviert ein neues Zuhause aufzusuchen. Er wurde 2 Wochen später auf einem Motorboot, getarnt als Bugkorb Obwalder, im Hafen von Alpnachstad gesichtet.

Wie ich das Geplauder an Deck verstanden haben, ist die Saison nun Gottseidank vorbei. Die Jungs und Mädels unten sehen das aber anders. Sie sind unheimlich gerne auf dem Boot und auf dem See und packen es nur ungern für den Winter ein. Im Winter habe ich wieder meine Ruhe, aber wie schon erwähnt, ist die Kälte nicht ohne … und dazu muss ich etwas beichten: Seitdem der Bootsmotor eine kleine Heizung bekommen hat, bin ich nur acht Monate im Jahr eine Windex-Spinne. Für die restlichen vier, wandle ich mich in eine Yanmar-Chillerin um und bau meine Polsterung aus, die ich sicherlich für die nächste Regattasaison wieder benötigen werden.